(armin fischer/t&t)
Geir Jordet, Professor für Sportwissenschaften in Oslo, weiß mehr über Elfmeterschießen, als sonst ein Mensch auf der Welt, jedenfalls theoretisch. Der Wissenschaftler und Fußballfan untersuchte 41 Elfmeterschießen aus den Jahren 1976 bis 2004 und publizierte seine Arbeit im  Journal of Sports Sciences. Hier einige seiner bemerkenswerten Erkenntnisse: Der erste Elfmeter wird zu 87 Prozent von jedem Team verwandelt. Bis zum vierten sinkt die Trefferquote auf 73 Prozent. Nervensache: Wenn ein Fehlschuss die Niederlage bedeutet, liegt die Trefferquote bei 52 Prozent, wenn der Schütze den Siegtreffer erzielen kann, bei 94 Prozent.

Aber Jordet weiß noch mehr: In 50 Prozent der Fälle werfen sich die Torhüter nach rechts (Abwehrquote: 21,4 Prozent), in 49 Prozent nach links (19,4 Prozent), ein Prozent bleibt stehen. Wird der Ball höher geschossen als 1,22 Meter, trifft der Schütze zu 89,7 Prozent, unter 1,22 Meter nur zu 71,9 Prozent.

Strategie
Der Schütze trifft nur in 71,5 Prozent der Fälle, wenn er sich vor dem Schuss für eine Ecke entscheidet. Wenn er wartet, bis sich der Torwart für eine Ecke entscheidet, trifft er zu 94,3 Prozent. Die Gesamt-Trefferwahrscheinlichkeit liegt bei 75 Prozent.

Ein zwei Meter großer Torwart mit zwei Metern Armspannweite kann im Stand 22 Prozent der Torfläche (7,32 mal 2,44 m) abdecken. Wenn der Torhüter sich knapp vor dem Schuss für eine Ecke entscheidet, wehrt er 29,6 Prozent ab, fliegt er früh, nur 15,5 Prozent.

Ohne Hektik besser
Schießt der Schütze 1,2 Sekunden nach dem Pfiff trifft er zu 58 Prozent, wartet er länger, zu 77 Prozent. – Englische Schützen hatten es am eiligsten und ließen durchschnittlich nur 0,28 Sekunden verstreichen. Laut Jordet geschehe dies aus Angst. Die Spieler wollten die Aufgabe bloß schnell hinter sich bringen.

Die Deutschen gingen ihre Elfmeter gelassener an, erst 0,64 Sekunden nach dem Pfiff. Auch schauten sie dem Torwart in zwei Drittel der Fälle direkt in die Augen, bei den Engländern tat dies nur jeder zweite Schütze. Diese Demonstration des Selbstvertrauens jedoch, belegen Untersuchungen, verunsichere den Schlussmann.

Bemerkenswert auch
Je mehr hochdekorierte und mit internationalen Titeln verwöhnte Spieler (z.B. Lampard, Terry, Rooney, Gerrard, Joe Cole ;)) im Kader sind, desto mieser schneidet die Mannschaft bei Elfmeter-Entscheidungen ab. Denn auf den Superstars und ihren Teams laste ein höherer Druck, durch einen verschossenen Strafstoß „das Gesicht zu verlieren“, schreibt Jordet.

„Elfmeterschießen ist der extremste Fall von Leistungsdruck im Fußball, wenn nicht gar im ganzen Sport“, urteilt der Experte der Norwegischen Hochschule für Sportwissenschaften nach langjähriger Forschung auf diesem Feld. Mit anderen Worten: Der Umstand, dass die DFB-Elf nur wenige bis keine Superstars aufbieten kann, könnte der Mannschaft zum Vorteil gereichen.

Für seine Studie untersuchte der Sportpsychologe, wie acht europäische Nationalteams zwischen 1976 und 2006 bei EM- und WM-Elfmeterschießen abgeschnitten haben: Deutschland, England, Spanien, Italien, Frankreich, Tschechien, Dänemark und die Niederlande. Dann ermittelte er, welche der Schützen zuvor zum Fußballer des Jahres gewählt oder bei einer WM besonders ausgezeichnet worden waren. Als zusätzliches Maß für das Renommee wählte Jordet die Zahl von Europapokal- beziehungsweise Champions-League-Titeln, die Vereinsmannschaften der acht Länder gewonnen hatten. Demnach genießt Holland den höchsten Teamstatus, dicht gefolgt von England.

Andere Studie, Vereinstorhüter im Vergleich

Nach einer Untersuchung von Statistikern der Universität Dortmund war Torwart-Legende Sepp Maier übrigens der schlechteste „Elfmeterkiller“ der Bundesligageschichte. Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler insgesamt 3828 Elfmeter der Bundesligaspielzeiten von 1963/64 bis 2007/08 aus. Auch andere Nationaltorhüter rangierten in der Statistik eher unter „ferner liefen“. So belegte Jens Lehmann nur Rang 233 unter den 280 Torhütern der Bundesligageschichte. Tim Wiese landete mit Platz 98 im Mittelfeld. Die Ausnahme: Nationalkeeper Robert Enke, der es immerhin auf Platz zwei der ewigen Bestenliste schaffte. Auf Rang eins landete allerdings Rudolf Kargus. In seinen 427 Bundesligaspielen für den HSV, den 1.FC Nürnberg, den Karlsruher SC und Fortuna Düsseldorf hielt er nach Angaben der Statistiker insgesamt 23 Strafstöße.

Weitere Erkenntniss der Studie: Für Torwarte gibt es beim Elfmeter keinen Heimvorteil. Die Haltewahrscheinlichkeit ist im eigenen Stadion genauso hoch wie in dem des Gegners. Und: Elfmeter zu halten, ist heute immer noch genauso schwer wie Mitte der 1960er Jahre.

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z.B.: Die Eilige Schrift Zwölf unangenehme Thesen zur Katholischen Kirche im Jahre 2012. – Die Katholische Kirche befindet sich auf einem Parforceritt zurück ins Mittelalter … und viele spielen eine beklagenswerte Rolle, wenn es um die Volksverdummung im Interesse der Kirche geht. Kritische Stimmen sind kaum zu hören, man ist viel lieber happy im Papst-Wahn.

z.B.: Die Wissenschaft des Reichwerdens.

Im Jahr 2006 schoss ein Buch fulminant in den Bestsellerlisten nach oben: »The Secret«, das Geheimnis, von Rhonda Byrne, einer australischen Autorin und TV-Produzentin. Als eine ihrer maßgeblichen Quellen nannte Byrne in einem Interview Wallace Delois Wattles mit seiner »Wissenschaft des Reichwerdens«. Dieses Buch ist bis heute der am klarsten formulierte Ratgeber dafür, wie man Erfolg im Leben hat.

z.B.: Sun Tsu: Die Kunst des Krieges

Psychologische Führung aller Beteiligten, Flexibilität und Taktik gegenüber dem Gegner, äusserste Disziplin in den eigenen Reihen – das sind Prinzipien, die heute wie damals in allen großen Organisationen, ja sogar im persönlichen Leben und in der Mann-Frau-Beziehung von entscheidender Bedeutung sind.