(armin fischer/t&t)
Dreist an Karl-Theodor zu Guttenbergs Verhalten ist nicht, dass er gelogen hat. Wer hätte das nicht schon mal getan. Dreist ist, dass er immer noch lügt. Dass er, wider besseren Wissens vor versammeltem Bundestag die Lüge wiederholt, er hätte »nicht wissentlich« getäuscht, »nicht wissentlich plagiiert«. Das ist angesichts der Ausmaße und Methodik des Plagiats schlechterdings unmöglich.

Es ist aber nicht so, dass Karl-Theodor zu Guttenberg sich bei der Abfassung seiner Arbeit keine Mühe gegeben hätte. Im Gegenteil: ein ordentliches Plagiat erfordert gründliche Vorbereitung und eine Menge Arbeit [siehe den amüsanten Essay »Zum erfolgreichen Plagiat in zehn einfachen Schritten«, von Professor Dr. Roland Schimmel, unten]. Und ein »ordentliches Plagiat« war es, sonst hätte Karl-Theodor zu Guttenberg damit nicht seinen Doktorvater übertölpeln und sogar ein »Summa cum laude« für die Arbeit einfahren können.

Eine Politikerin aus Guttenbergs Wahlkreis, die ihn gut kennt, charakterisiert ihn so: »Er will alles immer besonders gut machen.« Das scheint mir die richtige Erklärung zu sein für das überwältigende Plagiatentum, das in »abstrusem« Maße alle bisher gekannten Grenzen sprengt. Und Guttenberg ging dabei mit einer Chuzpe vor, die fast schon wieder bewundernswert ist. Denn die Textstellen aus derart leicht zugänglichen Texten zusammenzukopieren und zusammenzuflicken, ist ein Vabanquespiel, das nur jemand macht, der sich für unangreifbar hält.

Dass dieses Plagiat niemals auffliegt, hat sicher nicht einmal Karl-Theodor zu Guttenberg gedacht. Aber er hat vermutlich ganz sorgsam die Promotionsordnung der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth studiert, in der es in Paragraph 16 (3) heißt: »Waren die Voraussetzungen für die Zulassung zur Promotion nicht erfüllt, ohne dass der Kandidat hierüber täuschen wollte, und wird diese Tatsache erst nach Aushändigung der Urkunde bekannt, so wird dieser Mangel durch das Bestehen der Doktorprüfung geheilt.« Ausserdem ist eine fünfjährige Verjährungsfrist, in der der Titel aberkannt werden kann, vorgesehen.

Guttenberg konnte also sogar hoffen, mit seinem Plagiat durchzukommen – sich darauf berufend, er habe nicht »bewusst getäuscht«. Und wenn die Sache irgendwann im Stillen abgehandelt worden wäre, hinter den Pforten der Universität Bayreuth, hätte man sie sicher so schnell wie möglich unter den Teppich gekehrt – und ihm den Doktortitel gelassen. Immerhin ist er der Verteidigungsminister …

Ein wenig Pech für Guttenberg war, dass u.a. durch die Website Guttenplag-Wiki eine Öffentlichkeit hergestellt wurde, die es so in der akademischen Welt bisher nicht gab – und auf der die in der Dissertation enthaltenen Plagiate (und davon gibt es Hunderte) genüsslich enttarnt und seziert werden.

Hat er nun die Arbeit eigentlich selbst geschrieben, oder schreiben lassen?

Viele vermuten, es war ein Ghostwriter, und Guttenberg kannte die Arbeit gar nicht wirklich. Ich meine: Er hat sie tatsächlich eigenhändig, zumindest zusammenkopiert und zusammengeflickt. Und das nicht schlecht. Was sonst übrigens hätte er in den vielen durchwachten Nächten in seiner Studierstube gemacht, als »das Licht aus seinem Zimmer noch spät nachts über den Schlosshof fiel« und Vater Enoch sich über den allzu fleissigen Jungen wunderte.

Starke Indizien finden sich aber in der Arbeit selbst. Er hat nämlich nicht nur eins zu eins plagiiert, sondern die Texte an vielen Stellen auch an seinen eigenen, hochtrabenden Stil angepasst. Oder sie anderweitig verändert, oder sogar die Aussagen relativiert. Besonders deutlich ist das an Stellen, wo er aus Anfänger-Arbeiten abschreibt, und dabei gezielt Floskeln der Relativierung einbaut. Das zeigt, wie Dutzende andere Beispiel auch, dass ihm absolut klar war, was er tut.

Ein Beispiel findet sich etwa in der Erstsemester-Arbeit des Berliner Studenten Daniel Pentzlin, wo es im Original heißt:
»Auf der anderen Seite sollte die Geschichte der US Verfassung und ihre Popularität nach noch 215 Jahren den Europäern Mut machen …«
Und bei Guttenberg:
»Auf der anderen Seite sollte in aller Trivialität die Geschichte der US Verfassung und ihre Popularität nach noch 215 Jahren den Europäern Mut machen…«

Damit plagiiert er Pentzlins Arbeit, distanziert sich aber gleichzeitig ein Stück von der allzu »trivialen« Aussage, weil sie Guttenbergs Meinung nach eben eher in eine Erstsemester-Arbeit gehört.

Das ganze Pentzlin-Plagiat betrifft übrigens nicht nur diesen einen Satz, sondern geht über viele Seiten. Und kleine, markante Stellen der Distanzierung und Nuancierung finden sich an vielen anderen Plagiatstellen ebenso.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist also sehr methodisch vorgegangen, und hat dabei ganz genau gewusst, was er tut.

Es entsteht sogar der Eindruck, als habe er sich auf die Abfassung seines Plagiats akribisch vorbereitet, genauso, als hätte er eine »echte Arbeit« geschrieben. Vielleicht hat er auch im Vorfeld den Essay von Prof. Roland Schimmel [»Zum erfolgreichen Plagiat in zehn einfachen Schritten«; dazu in Kürze ein gesonderter Text] studiert, in dem es unter anderem heißt:

»Der Quelltext selbst wird nie zitiert. Weder dort, wo er wörtlich abgeschrieben wurde, noch dort, wo er umformuliert wurde, noch irgendwo anders. Man soll seinen Leser gar nicht erst auf den Gedanken bringen, diesen Text selbst ansehen zu wollen. Das machen überraschend viele Plagiatoren falsch. Die sogenannte Bauernopfer-Referenz – dabei werden zum Kaschieren flächiger Plagiate punktuelle Belege gesetzt – ist eine Technik für Fortgeschrittene; in normalen Prüfungsarbeiten ist von ihrer Verwendung abzuraten.«

Karl-Theodor zu Guttenberg hat die Methode »Bauernopfer« sehr häufig angewandt – und das zeigt schon, dass man es hier mit einem ausgereiften, fortgeschrittenen Plagiat zu tun hat.

Unter der Überschrift Was tun, wenn alles auffliegt? schreibt. Prof. Schimmel dann:

»Überwiegend empfehlenswert: Geordneter Rückzug – (Teil-)Geständnis:
Ersttäter bekommen nur selten die volle Härte des Gesetzes und der erwähnten informellen Sanktionen zu spüren, wenn sie sich einigermaßen einsichtig und kooperativ verhalten. Man gestehe nicht viel mehr als nötig – also nur soviel, wie Inhalt des Vorwurfs ist. Man bitte um Milde bei der Sanktionierung und gelobe Besserung. So gut es geht erkläre man, wie es zum Fehlverhalten gekommen ist. Das größte Entgegenkommen beim Prüfer darf erwarten, wer das objektive Unrecht einzusehen vorgibt und gleichzeitig um Verständnis wegen der subjektiven individuellen Situation der Schwäche bittet. Wenn sonst nichts geht: Die Klassiker Meine Oma ist gestorben … und Ich hatte eine unglückliche Kindheit… « [Ende Zitat Prof. Schimmel]. Oder, wie im Fall Guttenberg: »Mühevollste Kleinarbeit«, aber »überfordert« in der Mehrfachrolle als »junger Familienvater«, Abgeordneter und so weiter.

Und das Fazit des Plagiats-Experten:
»Entgegen der ersten Vermutung erfordert ein anständiges Plagiat (also eines, das den Leser nicht auf beleidigende Weise für dumm verkauft) einige Mühe des Plagiators. Ein gutes Plagiat verlangt Zeit, Sorgfalt, Sachkenntnis und Konzentration – ähnlich wie eine gute wissenschaftliche Arbeit.«

Das erklärt auch die Empörung und die Ablehnung zu Guttenbergs (»abstrus«), als er zum  ersten Mal mit den Plagiatsvorwürfen konfrontiert wurde. Er war nämlich schlicht der Meinung, für so ein ausgefeiltes, mühevolles Plagiat habe er sehr wohl den Doktortitel verdient. – Und beinahe hätte es geklappt.

Dass er nun den Vorsatz immer noch abstreitet, und damit durchzukommen scheint, ist schon, mir fällt kein besseres Wort dazu ein, ein Skandal. Und dass ihn die Universität Bayreuth (fast) ungeschoren davonkommen lässt, nicht minder. Diese akzeptierte nämlich gestern tatsächlich die von Guttenberg vorgeschlagene »Rücknahme« der Arbeit, und beruft sich dabei auf Paragraph 48 Bayerisches Verwaltungsverfahrensgesetz als eine Art Rahmenrichtlinie. Statt, wie es dringend nötig wäre, die Promotionsordnung anzuwenden und den Betrug aufzudecken.
(armin fischer/t&t)

Hier, in Abstimmung mit Prof. Dr. Schimmel der Aufsatz »Zum erfolgreichen Plagiat in zehn einfachen Schritten« als PDF zum download. – Bitte beachten Sie das Urheberrecht! …

Es gibt übrigens schon ein eBook zu dem Thema, im Apple iBook-Store, oder hier: www.epubli.de

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z.B.: Die Eilige Schrift Zwölf unangenehme Thesen zur Katholischen Kirche im Jahre 2012. – Die Katholische Kirche befindet sich auf einem Parforceritt zurück ins Mittelalter … und viele spielen eine beklagenswerte Rolle, wenn es um die Volksverdummung im Interesse der Kirche geht. Kritische Stimmen sind kaum zu hören, man ist viel lieber happy im Papst-Wahn.

z.B.: Die Wissenschaft des Reichwerdens.

Im Jahr 2006 schoss ein Buch fulminant in den Bestsellerlisten nach oben: »The Secret«, das Geheimnis, von Rhonda Byrne, einer australischen Autorin und TV-Produzentin. Als eine ihrer maßgeblichen Quellen nannte Byrne in einem Interview Wallace Delois Wattles mit seiner »Wissenschaft des Reichwerdens«. Dieses Buch ist bis heute der am klarsten formulierte Ratgeber dafür, wie man Erfolg im Leben hat.

z.B.: Sun Tsu: Die Kunst des Krieges

Psychologische Führung aller Beteiligten, Flexibilität und Taktik gegenüber dem Gegner, äusserste Disziplin in den eigenen Reihen – das sind Prinzipien, die heute wie damals in allen großen Organisationen, ja sogar im persönlichen Leben und in der Mann-Frau-Beziehung von entscheidender Bedeutung sind.