Es gibt viele kleine Fritzls

(armin fischer/t&t) Mai ‘08. Die Tat des Österreichers Josef Fritzl wird in den Medien als monströs und beispiellos bezeichnet. Das ist sie wahrscheinlich, weil hier gleich mehrere Komponenten des Tabubruchs und der Kriminalität zusammenkommen: zuerst einmal der Inzest mit der eigenen Tochter, der für die meisten von uns sowieso unbegreiflich ist. Dann aber auch die jahrzehntelange Gefangenhaltung gleich mehrerer Personen in einem Kellerverlies – eine Methode, die an Sklavenhaltung erinnert. Und schließlich der perfekte Aufbau einer Parallelwelt, die mit der ersten Welt keine Schnittmenge hatte – außer die Person des Täters selbst, der allmächtig zwischen beiden Welten pendelte.
Fritzl hat sich seine psychotische, aber perfekt funktionierende Zweitwelt erschaffen, um seine Gelüste und Triebe ungehemmt ausleben zu können. Kranke Pararellwelten erschaffen aber – das tun viele von uns: der angesehene Mainzer „Fernseh-Doktor”, der in der Öffentlichkeit den treusorgenden Gutmenschen und Familienvater spielt, aber seit 10 Jahren regelmäßig freitags seine Geliebte trifft. Seinen Söhnen und seiner Frau sagt er, er muss mal wieder auf einen „Kongress”. Oder die hessische Familienpolitikerin, die sich in Berlin ein Liebesnest mit einem 15 Jahre jüngeren…


...Kunststudenten eingerichtet hat – während sich ihr treusorgender Ehemann zu Hause um die Töchter kümmert. Oder der umtriebige Freiburger Architekt, der im Norden Mallorcas eine heimliche Zweitfamilie hat, während er im Westen der Insel mit seiner Erstfrau Urlaub macht.
Ob Mann oder Frau ist egal. Sie alle, wir alle, gehen in den Keller. Und die acht Stahltüren mit Sicherheitsschlössern sind in unserem Fall die streng privaten Handys, die SMSe, die niemand lesen darf, die geheimen Email-Accounts, die keiner kennen darf.
Ein „monströser” Fall wie Fritzl aber, liefert den Gutmenschen wie dem netten Fernseharzt aus Mainz wieder eine gute Gelegenheit, die eigene Verlogenheit zu relativieren. Man selber ist ja so harmlos, und schließlich nicht kriminell. Es ist ja nur ein Kavaliersdelikt—macht doch jeder. Aber gerade ein Fall wie Fritzl sollte uns nicht dazu verleiten, uns selbst zu bauchpinseln und moralisch überlegen zu fühlen. Werfen wir mal einen Blick in unseren eigenen Keller, schauen wir auf unsere eigenen Schlechtigkeiten, unser eigenes Doppelleben und unsere eigenen Parallelwelten. Nichts im Keller? Ok. Aber ab und zu Nachsehen schadet nicht.

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