Aus dem Buch ›Alles, was ein Mann tun muss

(fi) Der jüngste Tag, revisable
Ich weiß nicht, was Sie am 11. August 1999 gemacht haben. Ich war am Strand einer Insel im Indischen Ozean und habe mich zum ersten Mal geärgert, dass ich nicht in Europa bin. An diesem Tag war nämlich über Süddeutschland und meiner Heimatstadt München eine totale Sonnen­finsternis zu sehen. Ein Ereignis, das nicht sehr häufig vorkommt: Nur etwa alle 375 Jahre wird ein und derselbe Ort auf der Erdoberfläche im Durchschnitt Schauplatz dieses kosmischen Spektakels. Wenn ich nun – zurück in München – an meinem Schreibtisch sitzen bleibe und warte, dauerte es bis zum Jahr 2135, um wieder eine totale Sonnenfinsternis zu Gesicht zu bekommen. Wenn ich ein paar Hundert Kilometer nach Süden fahre, zu unseren Nachbarn nach Österreich, ist es immerhin schon am 3. September 2081 so weit. Wir sind also, gemessen an der theoretischen Wahrscheinlichkeit, vom Glück begünstigt.

Dennoch keine berauschenden Aussichten, oder? Falls Sie zu den Glücklichen gehören, die die Sonnenfinsternis am 11. August 1999 sehen konnten, können Sie dieses Kapitel einfach über­blättern. Falls Sie wie ich ›verhindert‹ waren: Wir müssen nicht aufgeben. Sonnenfinsternisse kommen zwar selten am gleichen Ort zweimal vor, aber bezogen auf die gesamte Erdoberfläche, häufiger, als man denkt. Die Lösung lautet also: dem Kernschatten entgegenreisen.

Aber warum eigentlich? Warum sollte man sich die Strapazen antun? Was ist denn so berauschend daran, wenn es ein wenig dunkler wird? Nun, eine ganze Menge. Es ist ein Schauspiel, das Sie kaum vergessen werden. Wenn der Mond vor die Sonne tritt und sie nach einer Weile völlig verdunkelt, passiert eine ganze Menge, und so einiges davon könnte man in die Kategorie mythisch oder magisch einsortieren. Obwohl die ›Totalitätsphase‹ also, die Zeit, an dem ein bestimmter Punkt auf der Erdoberfläche im Kernschatten des Mondes ist, nur wenige Minuten dauert, geschieht Erstaunliches:

Dass es dunkel wird, ahnten Sie. Fast schlagartig wird es Nacht, sobald der Mond die Sonnenscheibe vollständig verdeckt. Nicht stockdunkel zwar, aber nur unwesentlich heller, als eine Vollmond­nacht. Gleichzeitig wird es merklich kühler und durch die plötzlich entstandenen Druckunterschiede frischen häufig kräftige ›Finsternis­winde‹ auf. Tiere und Pflanzen reagieren sofort: Vögel verstummen, Blüten schließen, so kurz die Zeit auch ist, ihre Kelche.

Gleichzeitig kann, wer Glück hat, kurz vor vollständiger Abdeckung der Sonne dicht über der Erdoberfläche sogenannte fliegende Schatten (»shadow bands«) beobachten. Diese Lichtschlieren, die bei sehr schmaler Sonnensichel durch Brechungsunterschiede in der Luft entstehen, können schon fast als Geisterwesen durchgehen. (Dieser Effekt ist vergleichbar damit, dass der Grund eines Schwimmbeckens aufgrund der Wellen an der Oberfläche nicht gleichmäßig von der Sonne ausgeleuchtet wird.)

Eine unheimliche, tatsächlich magische Stimmung, die sich da ausbreitet, mit blutrotem Horizont und blauschwarzem Himmel. Weltuntergang im Miniformat, reversibel.

Und wenn man nach oben blickt (mit Schutzbrille!), sieht man allerhand:

Diamanten-Kette. Beim Eintritt und am Ende der totalen Phase scheinen die letzten beziehungsweise die ersten Sonnenstrahlen durch die Täler der gebirgigen Mond-Silhouette und verursachen den Eindruck eines Diamantrings oder einer Perlschnur. Im Englischen heißt dieser Effekt ›Baily’s beads‹ (Benannt nach Francis Baily, der das Phänomen erstmals 1836 dokumentiert hat).

Korona-Beobachtung. Während der Totalität kann man dann die Sonnenkorona sehen, das ist der strahlende, sonst nicht sichtbare Ring aus elektromagnetischer Strahlung, der die Sonne umgibt.

Sonnenflecken und Eruptionen. Mit bloßen Augen lässt sich manchmal sogar beobachten, wie Sonneneruptionen (Protuberanzen) ihre heißen Gase in diese Korona schleudern.

Planeten und Sterne. Genau wie am Nachthimmel kann man helle Sterne und oft auch andere Planeten sehen.

Alles in allem ein Erlebnis, das so gewaltig ist, dass man sich durchaus vorstellen kann, wie sich unsere primitiven Vorfahren angstvoll schlotternd auf den Hosenboden setzten und ihre Götter um Vergebung flehten. Heute sind wir etwas schlauer. Wir wissen, dass es ein astronomisch-physikalisches Phänomen ist, bei dem der Kern­schatten des Mondes mit nahezu dreifacher Schallgeschwindigkeit über den Erdboden rast. Die ›Spur‹ einer Sonnenfinsternis, im Nachhinein betrachtet, wäre also so etwas wie ein fetter Strich, auf einen Globus gezeichnet (Mehr dazu, wie Sonnenfinsternisse entstehen, im Buch).

Doch genug mit der Theorie. Fahren Sie hin!

Und das sind die nächsten Termine (ohne partielle Sonnenfinsternisse):

Datum, sichtbar in:
20. Mai 2012, ringförmig, China, Japan, Pazifik, Texas
13. November 2012, total, Australien, Neuseeland, Südamerika
10. Mai 2013, ringförmig, Nordaustralien, Salomon-Inseln, Pazifik
29. April 2014, ringförmig, südliches Indien, Australien, Antarktis
20. März 2015, total, Island, Faröer Inseln, Nordsee
09. März 2016, total, Sumatra, Borneo, Sulawesi, Pazifik
01. September 2016, ringförmig, Afrika, Madagaskar, Indien
26. Februar 2017, ringförmig, Pazifik, Chile, Argentinien, Atlantik, Afrika
21. August 2017, total, Pazifik, USA, Atlantik

Nächste totale Sonnenfinsternis in Deutschland: 7. Oktober 2135, 9 Uhr morgens.

Internet:
http://eclipse.gsfc.nasa.gov/eclipse.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Sonnenfinsternisse_des_21._Jahrhunderts
http://eclipse.astronomie.info

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